17.08.2010
Die Drogerie-Einzelhandelskette Schlecker hat sich einen neuen Fauxpas geleistet: Anstatt den rund 34.000 MitarbeiterInnen ihre geleisteten Überstunden auszuzahlen wies das Unternehmen auf den Lohnabrechnungen Stundengutschriften aus. Weder in Tarifverhandlungen mit der Gewerkschaft Ver.di, noch mit den Betriebsräten hatte die Unternehmensführung vorher darüber kommuniziert.
Ein Fehler sei passiert, hatte die untere Führungsebene zunächst gegenüber den Betriebsräten erklärt. Das Geld werde daher im August ausgezahlt werden. Doch kurz darauf bekannte sich die Unternehmensführung in einer schriftlichen Stellungnahme gegenüber der FAZ zu seiner Aktion, von Unrechtsbewusstsein keine Spur.
-Mitbestimmungsrechte des Betriebsrats missachtet -
Schlecker befinde sich mit seiner Aktion in bester Gesellschaft, Arbeitszeitkonten seien gängige Praxis, hieß es in der Erklärung. Doch Arbeitszeitkonten bringen eines mit sich: Zwingende Mitbestimmungsrechte des Betriebsrats gemäß § 87 Abs. 1 Nr. 2, 3 BetrVG. Dies hatte die Unternehmensführung offensichtlich komplett ignoriert.
Die Beschäftigten trifft die Maßnahme hart. Die allermeisten MitarbeiterInnen bei Schlecker sind Teilzeitkräfte, sie haben die Einnahmen aus der Überstundenarbeit dringend nötig. Das Unternehmen spart damit Millionen.
Gerade erst waren die Zeitungen voll davon, dass Schlecker - nachdem man Beschäftigte durch Schließung kleiner Filialen entlassen hatte, um sie über die Leiharbeitsfirma Menior in neu eröffneten XL Filialen zu Dumpinglöhnen von 6,50 wieder zu beschäftigen – endlich auf den Pfad der Tugend zurückgekehrt sei. Alle 34.000 Beschäftigten sollten nach einem Tarifvertrag auf dem Niveau des Flächentarifvertrags für den Einzelhandel in Baden-Württemberg bezahlt werden. Leiharbeit sollte nur noch in engen Grenzen mit Zustimmung der Betriebsräte machbar sein.
-good oder bad guy, das ist hier die Frage-
„Das Unternehmen ist wieder im Feld der sozial anständig agierenden Arbeitgeber angekommen“, hatte die stellvertretende Ver.di-Chefin Margret Mönig-Raane Schlecker erst kürzlich noch gelobt. Auch nach der neuesten Aktion verhält sich Ver.di zunächst höflich: "Wir wollen Schlecker die Gelegenheit geben, dumme Gedanken zu verwerfen, bevor wir ihn in die Pfanne hauen", sagte ein Gewerkschaftsprecher zur FAZ.
Mutiert Schlecker erneut zum bösen Buben? Ist es utopisch, einen unsozialen Arbeitgeber nachhaltig zu bekehren? Sind ständige Kämpfe und permanenter Druck der Öffentlichkeit wirklich erforderlich, um der Drogeriekette den rechtmäßigen Umgang mit Arbeitnehmer- und Betriebsratsrechten beizubringen, die selbstverständlich sein sollten?
-schlechte Zeiten für Schlecker?-
Mutmaßungen gehen zur Zeit durch die Presse, die die Aktionen des Drogeriegiganten erklären aber nicht entschuldigen: Schlecker soll es schlecht gehen. Die Umsätze seien im ersten Halbjahr 2010 dramatisch zurückgegangen, soll Anton Schlecker zugegeben haben. Zahlen sind jedoch nicht öffentlich geworden, daher ist nicht klar, ob diese Äußerungen den Beschäftigten eher Angst machen sollen, oder ob es um das Imperium wirklich finanziell nicht gut steht.
Eines müsste aber auch Anton Schlecker einleuchten: Die permanenten Fußtritte gegen ArbeitnehmerInnen, Betriebsräte und Gewerkschaften sorgen für negative Schlagzeilen in der Presse. Schlechte Presse wiederum ist Gift für die Umsätze. Vielleicht sollte Schlecker einmal den gegenteiligen Weg versuchen. Mit ArbeitnehmerInnen vorbildlich umgehen, Betriebsratsrechte wahren. Es wäre einen Versuch wert, zu beobachten, inwieweit gute Meldungen in der Öffentlichkeit das Verbraucherverhalten eventuell nach oben beeinflussen könnten.
Textquellen:
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